HCM bei Katzen: Was herzkranke Katzen brauchen – Symptome, Diagnose & Behandlung
von belmedia Redaktion Allgemein Alltag Gesundheit Haustiere Katzen katzennews.ch Krankheiten Magazine nachrichtenticker.ch News Pflege Rassen Technologie Themen Tierarzt Tiere Tierwelt tierwelt.news Verbreitung
Die hypertrophe Kardiomyopathie – kurz HCM – ist die häufigste Herzerkrankung der Katze überhaupt. Schätzungen zufolge ist jede sechste bis siebte Katze in irgendeinem Mass betroffen. Das Tückische: Die Krankheit schreitet jahrelang lautlos voran, bevor die ersten Symptome sichtbar werden – und wenn sie es tun, ist oft bereits viel Herzmuskelgewebe unwiederbringlich verändert. Wer die Erkrankung kennt, handelt früher. Und frühzeitiges Handeln macht den entscheidenden Unterschied.
Viele Katzenhalter hören den Begriff HCM zum ersten Mal beim Tierarzt – oft in einem Moment, der emotional schwer ist. Dieser Ratgeber soll helfen, die Diagnose zu verstehen, die richtigen Fragen zu stellen und zu wissen, was das Leben mit einer herzkranken Katze bedeutet. Denn HCM ist keine Todesdiagnose. Mit der richtigen Betreuung können betroffene Katzen noch viele Jahre in guter Lebensqualität verbringen.
Was passiert beim HCM im Herzen?
„Hypertrophe Kardiomyopathie» bedeutet wörtlich: Verdickung (Hypertrophie) des Herzmuskels (Myokard). Bei der HCM verdickt sich der Herzmuskel der linken Herzkammer – entweder die gesamte Kammerwand, die Herzscheidewand oder einzelne Abschnitte davon. Diese Verdickung hat weitreichende Folgen:
Der verdickte Muskel verliert seine Elastizität. Die linke Herzkammer kann sich in der Diastole (Entspannungsphase) nicht mehr vollständig mit Blut füllen. Das führt dazu, dass weniger Blut pro Herzschlag in den Körper gepumpt wird. Das Herz versucht, diesen Mangel durch schnelleres Schlagen auszugleichen – was die Belastung wiederum erhöht und den Kreislauf weiter verschlechtert. In der Folge kann sich Flüssigkeit in der Lunge (Lungenödem) oder im Brustraum (Thoraxerguss) ansammeln – mit akuter Atemnot als Symptom.
Ein weiterer Mechanismus kann hinzukommen: Beim sogenannten SAM (Systolic Anterior Motion) bewegt sich das Mitralklappensegel während der Systole vor den Aortenausfluss – das führt zu einer Obstruktion des Herzausflusstrakts und einer Klappeninsuffizienz. Dieser Befund ist bei der HOCM (hypertrophe obstruktive Kardiomyopathie) besonders relevant und wird nur im Herzultraschall sichtbar.
Primäre und sekundäre HCM: Ein wichtiger Unterschied
Die primäre HCM ist genetisch bedingt. Bei Maine Coon und Ragdoll wurden spezifische Gendefekte identifiziert (MYBPC3-Mutation), die autosomal dominant vererbt werden – das heisst, es reicht eine Kopie des mutierten Gens, damit die Krankheit auftreten kann. Für diese beiden Rassen gibt es inzwischen Gentests, die züchterisch eingesetzt werden. Trotzdem entwickeln viele Katzen mit dem Gendefekt keine klinische HCM – und umgekehrt erkranken viele Katzen ohne nachgewiesene Mutation. Der Gentest gibt also Hinweise, ist aber kein Ausschlussdiagnostikum. Am häufigsten betroffen sind laut AniCura Schweiz: Maine Coon, Perser, Ragdoll, Britisch Kurzhaar – aber die grosse Mehrheit der HCM-Fälle entfällt auf normale Hauskatzen.
Die sekundäre HCM entsteht als Folge einer anderen Erkrankung: Schilddrüsenüberfunktion (feline Hyperthyreose), Bluthochdruck (feline Hypertonie) oder Tumore können zu einer Verdickung des Herzmuskels führen, die einer primären HCM zum Verwechseln ähnlichsieht. Deshalb gehört zu jeder HCM-Diagnose zwingend der Ausschluss dieser sekundären Ursachen – durch Blutuntersuchung und Blutdruckmessung. Denn: Wird eine sekundäre Ursache behandelt, kann sich die Herzwandverdickung sogar zurückbilden – das ist bei der primären HCM nicht möglich.
Symptome: Was man sieht – und was man nicht sieht
Das Heimtückische an der HCM ist ihr langes Schweigen. Laut AniCura Schweiz und der LMU Tierkardiologie München bleiben viele Katzen mit leicht- bis mittelgradiger HCM jahrelang symptomfrei. Die Verdickung schreitet im Hintergrund fort, ohne dass der Halter etwas bemerkt.
Wenn Symptome auftreten, sind es häufig diese:
- Erhöhte Atemfrequenz im Ruhezustand: Gesunde Katzen atmen im Schlaf etwa 16 bis 24 Mal pro Minute. Eine ruhende Atemfrequenz über 30 Atemzüge pro Minute ist ein ernstes Warnsignal und sollte sofort tierärztlich abgeklärt werden. Das regelmässige Messen der Ruhatemfrequenz ist eine der wirksamsten Frühwarnsysteme für Katzenhalter.
- Hecheln bei Katzen: Ist immer ein Alarmzeichen. Anders als beim Hund gehört Hecheln nicht zum normalen Verhalten der Katze und kann auf ein lebensbedrohliches Lungenödem hinweisen.
- Maulatmung: Absoluter Notfall – sofort zum Tierarzt oder in die Notaufnahme
- Schwäche, Inappetenz, Rückzug: Unspezifisch, aber im Kontext von Herzerkrankungen relevant
- Ohnmachtsanfälle (Synkopen): Kurzer Bewusstseinsverlust durch Herzrhythmusstörungen; das Tier erholt sich schnell, wirkt anschliessend scheinbar gesund
- Bläuliche Schleimhäute: Im Maul sichtbar – zeigt Sauerstoffmangel an; sofortiger Notfall
Was kein Symptom der HCM ist: Husten. Anders als beim Hund und beim Menschen ist Husten bei herzkranken Katzen kein typisches Zeichen. Wer seine Katze husten sieht, sollte andere Ursachen abklären lassen.
Die gefürchtetste Komplikation: Aortenthrombose
Die Aortenthrombose ist die schwerste akute Komplikation der HCM – und für viele Katzenhalter die erschreckendste Erfahrung. Bei der HCM kann sich in den erweiterten Vorhöfen ein Blutgerinnsel (Thrombus) bilden, das sich löst und die Aorta am hinteren Ende blockiert. Die Folge: Eine oder beide Hinterbeine werden nicht mehr durchblutet.
Das klinische Bild ist dramatisch: Plötzliche Lähmung einer oder beider Hinterextremitäten, starke Schmerzen, kalte Pfoten, fehlendes Puls-Tasten an den Hinterbeinen. Das ist ein absoluter Notfall. Laut zooplus-Magazin ist eine Auflösung des Blutgerinnsels nur in den ersten Stunden möglich – schnelles Handeln ist lebensrettend.
Zur Vorbeugung setzen Kardiologen bei Katzen mit vergrössertem linken Vorhof das gerinnungshemmende Medikament Clopidogrel ein, das sich in der FATCAT-Studie (2015) als signifikant wirksamer zur Vorbeugung von Thromboembolien erwiesen hat als Aspirin.
Diagnose: Nur der Herzultraschall ist beweisend
Ein Herzgeräusch beim Abhören ist ein Hinweis – aber kein Beweis. Viele Katzen mit HCM haben kein Herzgeräusch. Und umgekehrt haben viele Katzen mit Herzgeräusch keine HCM. Die einzige beweisende Untersuchung ist die Echokardiografie – der Herzultraschall durch einen erfahrenen Tierarzt oder Veterinärkardiologen.
Ab einer Wanddicke von 6 mm spricht man per Konvention von HCM. Zusätzlich beurteilt der Untersucher: Grösse des linken Vorhofs (entscheidend für das Thromboembolierisiko), Herzfrequenz, Klappenfunktion, SAM-Befund und das Vorhandensein von Flüssigkeit.
Ergänzende Untersuchungen:
- proBNP-Bluttest: Ein erhöhter Wert deutet auf eine Herzbelastung hin – guter Screening-Test, aber nicht spezifisch für HCM. Andere Erkrankungen (Niereninsuffizienz, Hyperthyreose) können den Wert ebenfalls erhöhen
- Röntgen: Zeigt die Herzgrösse und ob bereits Flüssigkeit in der Lunge vorhanden ist
- Blutdruckmessung: Ausschluss von Bluthochdruck als sekundäre Ursache
- Blutuntersuchung: Schilddrüsenwerte, Nierenwerte, Gesamtstatus
- Gentest (Maine Coon / Ragdoll): Gibt Hinweis auf genetische Veranlagung, ist aber kein Ersatz für den Herzultraschall
- EKG: Erkennt Herzrhythmusstörungen
Behandlung: Individuell, nicht nach Schema
Eine kausale Therapie der primären HCM gibt es nicht – der verdickte Herzmuskel kann nicht rückgängig gemacht werden. Das Ziel der Behandlung ist die Verlangsamung des Krankheitsverlaufs, die Behandlung von Komplikationen und der Erhalt der Lebensqualität.
Laut LMU Tierkardiologie und Tierklinik Rostock richtet sich die Therapie nach dem Stadium:
Asymptomatisches Stadium (keine Symptome, nur Ultraschall-Befund): Bei geringer bis mässiger Verdickung und normalem linken Vorhof: in der Regel keine Medikamente nötig. Regelmässige Ultraschall-Kontrollen alle 6 bis 12 Monate. Bei erhöhter Herzfrequenz oder SAM-Befund: eventuell Betablocker (Atenolol) zur Herzfrequenzsenkung. Bei vergrössertem linken Vorhof: Clopidogrel zur Thromboembolieprophylaxe.
Symptomatisches Stadium (Lungenödem / Thoraxerguss): Sofortige Behandlung zwingend. Standardtherapie: Diuretika (Furosemid oder Torasemid) zur Entwässerung plus ACE-Hemmer zur Kreislaufentlastung. Bei Herzrhythmusstörungen: Antiarrhythmika. Bei bestimmten Formen: Pimobendan zur Steigerung der Herzleistung. Bei Thrombosegefahr: Clopidogrel.
Wichtig: Es gibt keine Standardtherapie für HCM. Jede Katze wird individuell behandelt. Die Entscheidung, welche Medikamente wann eingesetzt werden, liegt beim erfahrenen Tierkardiologin oder Tierkardiologen.
Alltag mit einer herzkranken Katze – was Halter wissen müssen
Die Diagnose HCM verändert den Alltag – aber sie macht das Leben mit der Katze nicht weniger wertvoll. Was sich bewährt hat:
- Ruheatmung täglich messen: Die Atemfrequenz im Schlaf messen – idealer Wert unter 30 Atemzüge pro Minute. Viele Tierärzte empfehlen eine Gratis-App wie „Cat Breathe» oder ähnliche. Bei Überschreitung sofort anrufen
- Stress minimieren: Stressreduktion ist medizinisch relevant – Stress erhöht die Herzfrequenz, was bei HCM besonders belastend ist. Tierarztbesuche so ruhig wie möglich gestalten, Transportbox eingewöhnen, beim Warten in der Praxis die Katze verdeckt halten
- Medikamente zuverlässig geben: Regelmässigkeit ist entscheidend. Tabletten in Leckerli verstecken, in Butter einwickeln oder als Paste vom Tierarzt verordnen lassen
- Kontrolltermine einhalten: Je nach Stadium alle 3 bis 12 Monate. Der Herzultraschall zeigt, ob die Medikation wirkt und ob Anpassungen nötig sind
- Ernährung: Keine speziellen Herzdiäten für Katzen sind aktuell evidenzbasiert etabliert. Wichtiger ist, dass die Katze frisst – Appetitlosigkeit ist ein Warnsignal
- Impfungen individuell abwägen: Ob und welche Impfungen sinnvoll sind, sollte mit dem Tierarzt besprochen werden. Oft werden nur die wichtigsten Impfungen empfohlen, um die Katze keinem unnötigen Stress auszusetzen
Prognose: Was man realistisch erwarten kann
Die Prognose hängt stark vom Stadium und Verlauf ab. Laut AniCura Schweiz und zooplus-Magazin:
- Katzen mit leicht- bis mittelgradiger HCM ohne Symptome können viele Jahre ohne nennenswerte Einschränkungen leben
- Nach einem ersten Lungenödem oder Thoraxerguss ist der Verlauf variabler – mit Medikation stabilisieren sich viele Katzen
- Ungünstig für die Prognose sind: stark vergrösserter linker Vorhof, bereits vorhandene Wassereinlagerungen, Auftreten von Thromboembolien
- Das Risiko eines plötzlichen Herztodes besteht – besonders bei bestimmten Rassen wie Maine Coon
HCM ist kein Todesurteil. Es ist eine ernste, lebenslange Erkrankung, die intensive Betreuung braucht – aber mit der die meisten Katzen noch viele gute Jahre vor sich haben.
Video-Tipp: HCM bei Katzen – Herzultraschall und Befund erklärt
Dieses Video zeigt den echokardiografischen Befund einer HCM bei der Katze – für Halter, die verstehen möchten, was der Tierarzt auf dem Ultraschallbild sieht:
Fazit
HCM ist die häufigste Herzerkrankung der Katze – und eine der am stärksten unterschätzten. Wer die Krankheit kennt, die Ruhatemfrequenz regelmässig misst, Kontrolltermine ernst nimmt und Medikamente konsequent gibt, tut das Wichtigste für seine herzkranke Katze. Die Diagnose bedeutet nicht das Ende – sie ist der Beginn einer anderen, intensiveren Art der Fürsorge. Und die lohnt sich.
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