Welttierschutztag bewusst gestalten: Fünf konkrete Beiträge zu mehr Tierwohl

Der Welttierschutztag am 4. Oktober lenkt den Blick auf Heimtiere, Nutztiere und Wildtiere. Seine Wirkung hängt jedoch nicht davon ab, wie viele Botschaften an diesem Tag geteilt werden. Entscheidend ist, ob aus Aufmerksamkeit konkrete Veränderungen entstehen: ein Tier aus seriöser Vermittlung erhält ein passendes Zuhause, ein Tierheim bekommt benötigte Unterstützung, die Haltung des eigenen Haustiers wird überprüft oder ein Garten verliert vermeidbare Gefahren für Wildtiere.

Der Aktionstag geht auf den Tierschutzaktivisten Heinrich Zimmermann zurück, der 1925 die erste Veranstaltung in Berlin organisierte. Seit 1929 wird der Tag am 4. Oktober begangen. Heute bietet er einen guten Anlass, die eigene Beziehung zu Tieren nicht abstrakt, sondern anhand konkreter Entscheidungen zu betrachten. Fünf Bereiche eignen sich besonders dafür.

1. Ein Tierheim unterstützen, ohne spontan ein Tier aufzunehmen

Tierheime benötigen weit mehr als Menschen, die unmittelbar einen Hund oder eine Katze adoptieren möchten. Futter, medizinische Versorgung, Reinigung, Unterbringung und Betreuung verursachen laufenden Aufwand. Hinzu kommen Tiere, die wegen ihres Alters, einer Erkrankung oder besonderer Verhaltensanforderungen längere Zeit bleiben.

Die aktuelle Tierschutzstatistik des Schweizer Tierschutz STS macht diese Belastung sichtbar. Die 66 erfassten Tierheime und Auffangstationen nahmen 2025 insgesamt 30’681 Tiere auf. Das waren knapp 1’400 Tiere beziehungsweise 4,4 Prozent weniger als im Vorjahr. Der Rückgang bedeutet nach Einschätzung des STS dennoch keine grundsätzliche Entspannung, weil Tiere teilweise länger auf eine Vermittlung warten.

Der Welttierschutztag kann deshalb genutzt werden, um bei einem regionalen Tierheim nach dem tatsächlichen Bedarf zu fragen. Manche Einrichtungen benötigen bestimmte Futtersorten, Decken oder andere Sachspenden, andere profitieren stärker von Geldspenden. Ungefragt abgegebene Gegenstände können dagegen Lagerplatz beanspruchen, ohne aktuell gebraucht zu werden.

Auch freiwillige Mitarbeit ist möglich. Je nach Organisation werden beispielsweise Menschen für Hundespaziergänge, Transporte, Reinigung, Veranstaltungen oder andere praktische Aufgaben gesucht. Solche Tätigkeiten benötigen häufig eine Einführung und verlässliche Absprachen.

Wer regelmässig helfen möchte, kann sich deshalb direkt bei einer regionalen Tierschutzorganisation erkundigen, welche Unterstützung langfristig sinnvoll ist. Ein einzelner Aktionstag wird so zum Ausgangspunkt für eine kontinuierliche Zusammenarbeit.


Katzen und Jungtiere in einem Tierheim zeigen, wie unterschiedlich die Tiere sind, die Unterbringung, Pflege und später eine geeignete Vermittlung benötigen.

2. Adoption als langfristige Entscheidung verstehen

Wer ohnehin über ein neues Haustier nachdenkt, kann den Welttierschutztag zum Anlass nehmen, ein regionales Tierheim zu besuchen. Eine Adoption sollte allerdings niemals aus einem kurzfristigen Gefühl heraus erfolgen.

Tiere gelangen aus sehr unterschiedlichen Gründen in eine Auffangstation. Trennung, Todesfall, gesundheitliche Probleme, finanzielle Schwierigkeiten, Umzüge oder Überforderung können dazu führen, dass bisherige Tierhalter ihre Tiere nicht behalten können. Die Unterbringung im Tierheim sagt deshalb wenig darüber aus, ob ein Tier grundsätzlich für ein neues Zuhause geeignet ist.

Eine seriöse Vermittlung prüft vielmehr, ob Bedürfnisse und Lebensbedingungen zusammenpassen. Wohnsituation, verfügbare Zeit, vorhandene Haustiere, Kinder, Arbeitszeiten und finanzielle Möglichkeiten spielen dabei eine Rolle.

Der BELMEDIA-Beitrag „Hund aus dem Tierschutz aufnehmen: Ankommen, Vertrauen und Erwartungen“ zeigt, weshalb mehrere Begegnungen, eine sorgfältige Vorbereitung und realistische Erwartungen wichtiger sind als ein möglichst schneller Einzug.

Auch das Alter verdient Aufmerksamkeit. Ältere Tiere oder Tiere mit gesundheitlichen Einschränkungen werden teilweise schwieriger vermittelt, obwohl gerade bei erwachsenen Tieren Charakter und Verhalten häufig bereits besser eingeschätzt werden können.

Vor einer Adoption gehören die laufenden Verpflichtungen auf den Prüfstand. Futter, tierärztliche Versorgung, Betreuung während Ferien und Krankheit sowie eine möglicherweise viele Jahre dauernde Verantwortung müssen dauerhaft tragbar sein.

Der ältere BELMEDIA-Beitrag „Tierschutz beginnt im Tierheim: VIER PFOTEN ruft zur Adoption statt Kauf auf“ ordnet diese Verantwortung ebenfalls ein und verweist darauf, dass Alter oder gesundheitliche Besonderheiten eines Tierheimtiers nicht automatisch gegen eine Vermittlung sprechen.


Eine Adoption sollte sorgfältig vorbereitet werden. Entscheidend ist, ob Bedürfnisse des Tieres und langfristige Lebensbedingungen zusammenpassen.

3. Das Wohl des bereits vorhandenen Haustiers überprüfen

Tierschutz beginnt auch im eigenen Zuhause. Selbst eine gut gemeinte Haltung entspricht nicht automatisch allen Bedürfnissen eines Tieres. Der Welttierschutztag bietet deshalb einen geeigneten Zeitpunkt für eine nüchterne Bestandsaufnahme.

Dabei geht es zunächst um grundlegende Fragen: Bietet der Alltag ausreichend Bewegung, Beschäftigung und Rückzug? Bestehen notwendige Sozialkontakte? Ist das Gewicht angemessen? Werden Krallen, Zähne, Fell und allgemeiner Gesundheitszustand regelmässig kontrolliert?

Je nach Tierart sehen die Anforderungen sehr unterschiedlich aus. Hunde benötigen unter anderem Bewegung, Sozialkontakt und Beschäftigung. Katzen brauchen Rückzugsmöglichkeiten, erhöhte Plätze und Möglichkeiten für arttypisches Verhalten. Meerschweinchen sind soziale Tiere und benötigen Artgenossen. Kaninchen stellen ebenfalls komplexe Anforderungen an Platz, Sozialstruktur und Beschäftigung.

Gerade Kleintiere werden teilweise unterschätzt. Ein Käfig, Futternapf und gelegentliches Herausnehmen reichen nicht automatisch für eine tiergerechte Haltung. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen stellt deshalb für zahlreiche Heimtierarten spezifische Informationen zu Platzbedarf, Sozialkontakten, Beschäftigung und Pflege bereit.

Auch erzwungene Nähe verdient Aufmerksamkeit. Nicht jedes Tier möchte getragen, umarmt oder jederzeit angefasst werden. Kaninchen und Meerschweinchen können das Hochheben beispielsweise als erhebliche Belastung erleben. Ein respektvoller Umgang berücksichtigt deshalb auch die Möglichkeit, Abstand zu halten.

Eine weitere Frage betrifft Veränderungen. Weniger Aktivität, ungewohnter Rückzug, aggressives Verhalten, verändertes Fressen oder Trinken sowie Schwierigkeiten beim Aufstehen sollten nicht vorschnell als Alterserscheinung oder schlechte Angewohnheit interpretiert werden. Solche Veränderungen können eine tierärztliche Abklärung erforderlich machen.

Der Welttierschutztag lässt sich damit für eine kleine Inventur nutzen: Haltung überprüfen, verschobene Gesundheitskontrollen organisieren und jene Details verbessern, die im Alltag allzu leicht zur Gewohnheit geworden sind.

Tierwohl zeigt sich im normalen Alltag

Besonders wirkungsvoll sind häufig Veränderungen, die jeden Tag bestehen bleiben. Ein passender Rückzugsort, mehr strukturierte Bewegung oder eine artgerechtere Beschäftigung wirken länger als eine besondere Aufmerksamkeit einmal im Jahr.

Auch Anschaffungen sollten kritisch betrachtet werden. Ein neues Spielzeug verbessert das Tierwohl nur dann, wenn es zum Verhalten des jeweiligen Tieres passt. Bei manchen Heimtieren sind zusätzliche Verstecke, Beschäftigungsmöglichkeiten oder mehr nutzbare Fläche wesentlich wertvoller.

Wer mehrere Tiere hält, sollte ausserdem beobachten, wie sie miteinander umgehen. Futterplätze, Liegebereiche und andere wichtige Ressourcen müssen so verteilt sein, dass kein Tier dauerhaft verdrängt wird.



4. Garten und Balkon für Wildtiere sicherer machen

Tierschutz endet nicht bei Haustieren. Viele Wildtiere leben unmittelbar zwischen Häusern, Gärten, Strassen und Grünanlagen. Schon kleine Veränderungen auf privaten Flächen können ihnen Nahrung, Deckung oder sichere Wege bieten.

Der Schweizer Tierschutz STS empfiehlt für wildtierfreundliche Umgebungen unter anderem strukturreiche Flächen. Ein Garten muss dafür nicht vollkommen verwildern. Heimische Pflanzen, Laubbereiche, Totholz, Hecken und ungestörte Ecken schaffen unterschiedliche Lebensräume.

Beim Igel ist Durchlässigkeit besonders wichtig. Geschlossene Mauern und Zäune können Wanderwege zerschneiden. Gleichzeitig entstehen in Siedlungen zahlreiche Gefahren durch Strassen, Schächte, Pools, Mähgeräte und andere technische Einrichtungen.

Vor dem Mähen dichter Vegetation oder dem Einsatz von Motorsensen lohnt sich deshalb eine Kontrolle. Mähroboter sollten so betrieben werden, dass nachtaktive Tiere möglichst keinem unnötigen Risiko ausgesetzt werden.

Auch offene Wasserflächen verdienen Aufmerksamkeit. Pools, Teiche oder tiefe Behälter können für Tiere zur Falle werden, wenn ein Ausstieg fehlt. Flache Ausstiegshilfen oder geeignete Randbereiche ermöglichen es hineingeratenen Tieren, das Wasser wieder zu verlassen.

Auf Balkonen können heimische Blütenpflanzen Nahrung für Insekten bieten. Wichtig bleibt dabei ein zurückhaltender Umgang mit Pflanzenschutzmitteln. Der STS weist darauf hin, dass Lebensraumverlust und der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu den Belastungen für Wildtiere und insbesondere Insekten zählen.

Wildtierhilfe bedeutet zugleich, nicht jedes Tier einzusammeln. Ein gesund wirkendes Jungtier oder ein Igel im Garten benötigt nicht automatisch menschliche Betreuung. Verletzte, auffällig geschwächte oder eindeutig hilfsbedürftige Tiere gehören dagegen in die Hände einer geeigneten Fach- oder Auffangstelle.


Ein strukturreicher Garten mit Verstecken, Durchgängen und geeigneten Pflanzen kann heimischen Wildtieren wertvollen Lebensraum bieten.

5. Beim Einkauf Tierwohl stärker berücksichtigen

Eine weitere Möglichkeit liegt im täglichen Konsum. Tierwohl betrifft auch jene Tiere, die für Lebensmittel gehalten werden. Haltung, Transport und Schlachtung unterscheiden sich je nach Produktionssystem und Standard erheblich.

Die grosse Zahl unterschiedlicher Bezeichnungen macht die Orientierung allerdings schwierig. Der Schweizer Tierschutz STS hat deshalb 2026 seinen Label-Kompass gestartet. Die Plattform bewertet Tierhaltungslabels anhand von 14 Tierwohlkriterien und betrachtet dabei verschiedene Abschnitte von der Haltung bis zur Schlachtung.

Solche Informationen können helfen, Werbeaussagen von konkreten Standards zu unterscheiden. Begriffe, Verpackungsgestaltung oder Bilder von Weiden sind allein kein zuverlässiger Hinweis darauf, welche Anforderungen tatsächlich gelten.

Bewusster Konsum muss dabei nicht ausschliesslich über die Wahl zwischen zwei Produkten erfolgen. Auch die konsumierte Menge spielt eine Rolle. Wer tierische Produkte gezielter auswählt und weniger davon verschwendet, verbindet Tierwohl mit einem verantwortungsvolleren Umgang mit Ressourcen.

Gleichzeitig lohnt sich der Blick über Fleisch hinaus. Eier, Milchprodukte und andere tierische Erzeugnisse stehen ebenfalls mit Haltungsbedingungen in Verbindung.

Der Welttierschutztag bietet damit einen konkreten Anlass, jene Produkte zu überprüfen, die regelmässig im Einkaufskorb landen. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob eine Verpackung besonders naturnah aussieht, sondern welche nachvollziehbaren Tierwohlstandards dahinterstehen.


Beim Einkauf können nachvollziehbare Haltungsbedingungen und Tierwohlstandards stärker in die Produktauswahl einfliessen.

Aus fünf kleinen Schritten kann dauerhafte Veränderung entstehen

Die fünf Bereiche zeigen, dass Tierschutz keine bestimmte Lebenssituation voraussetzt. Ein eigenes Haustier ist dafür ebenso wenig erforderlich wie ein grosser Garten oder die Möglichkeit, ein Tier zu adoptieren.

Ein Tierheim kann gezielt unterstützt werden. Eine geplante Adoption lässt sich sorgfältig statt spontan vorbereiten. Beim eigenen Tier können Haltung und Gesundheitsvorsorge überprüft werden. Auf Balkon und im Garten lassen sich Gefahren für Wildtiere reduzieren. Beim Einkauf können nachvollziehbare Tierwohlstandards stärker berücksichtigt werden.

Gerade diese unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten machen den Welttierschutztag praktisch nutzbar. Ein einzelner Beitrag muss nicht spektakulär sein. Entscheidend ist, dass er zu den eigenen Möglichkeiten passt und über den 4. Oktober hinaus bestehen bleibt.

Video: Alltag und Vermittlung in einem Schweizer Tierheim



„Tierpflege und Vermittlungen im grössten Tierheim der Schweiz | Mona mittendrin 2022 | SRF Dok“ begleitet den Alltag im Tierheim an der Birs. Die deutschsprachige Breitformat-Reportage zeigt Tierpflege, Vermittlungsgespräche, medizinische Versorgung und freiwillige Hundespaziergänge und vermittelt damit einen konkreten Eindruck davon, welche Arbeit hinter verantwortungsvollem Tierschutz steht.

Der 4. Oktober kann ein Anfang sein

Der Welttierschutztag erinnert seit rund einem Jahrhundert daran, dass das Verhältnis zwischen Mensch und Tier Verantwortung mit sich bringt. Diese Verantwortung betrifft sehr unterschiedliche Lebensbereiche und reicht von Heimtieren über Wildtiere bis zur Nutztierhaltung.

Ein guter Aktionstag muss deshalb nicht mit einer grossen Kampagne verbunden sein. Schon die Nachfrage beim Tierheim nach benötigter Unterstützung, eine Verbesserung im eigenen Tierhaushalt oder eine dauerhaft wildtierfreundlichere Gartenecke schafft einen konkreten Nutzen.

Besonders nachhaltig wird der Welttierschutztag, wenn aus einer einmaligen Aktion eine neue Gewohnheit entsteht. Tierwohl verbessert sich vor allem dort, wo Aufmerksamkeit in verlässliches Handeln übergeht.

 

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